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Die Geschichte der Hirschbar
beginnt, wo viele gute Geschichten der Berliner Clubszene anfangen,
in der Zeit kurz nach der Wende und dem räumlichen wie künstlerischen
Freiraum, der dort entstanden war.

Natascha, Künstlerin
und Partyorganisatorin aus Berlin, im Interview
Q: Natascha, wo und wie ist die Hirschbar entstanden?
1993/94 haben wir
das erste Mal damit angefangen, kleine Parties zu machen, in einer
Fabriketage, die uns als Wohnung, Atelier und Proberaum gedient
hat. Das war einmal in der Woche, mit den Musikern, die auch im
Proberaum gearbeitet haben. In Verbindung mit unserer künstlerischen
Arbeit ist die Deko für die Parties entstanden.
Die Musik, die damals gespielt wurde, war Rock, Blues und Independent.
Das war finanziell nicht so der große Renner, aber es hat Spaß gemacht.
Es war eine sehr familiäre Atmosphäre, wie ein Wohnzimmer, in dem
man Leute getroffen hat, die im selben oder ähnlichen Bereich gearbeitet
haben wie du. Es gab einen Austausch, über den neue Projekte entstanden
sind. Und da haben wir gesagt, ok, das machen wir nächsten Winter
wieder.
Im Winter darauf
war unsere finanzielle Situation so schlimm, daß wir das Ganze ein
bißchen straffer organisieren mußten. Da haben wir zum Beispiel
einen richtigen Tresen gebaut, statt unseres Küchentischs als Bar.
Und als wir dann so drei Monate am Wursteln waren, zogen oben im
Haus die Leute vom WTF ein. Wir hatten erfahren, daß das WTF am
selben Tag wie wir eine Party angesetzt hatte. Da sind wir hochgegangen,
haben uns freundlich vorgestellt, und haben vorgeschlagen, ob wir
die Party nicht zusammen machen können, weil es doch Scheiße wäre,
in einem Haus gegeneinander zu arbeiten. Wir kommen alle ursprünglich
aus der Hausbesetzerszene, und da hat man ja eh eine etwas andere
Einstellung zu Nachbarn. Die fanden das auch ganz prima, und dann
haben wir uns darauf geeinigt, bei uns ist Chillout, und bei denen
ist der Dancefloor.
Der Abend endete damit, daß die DJ's von oben herunterkamen, und
fragten, ob sie nicht lieber bei uns auflegen könnten, und die Gäste
von oben auf einmal bei uns rumhingen. Wir hatten das zuerst gar
nicht so registriert. Dann hat es nicht mehr lange gedauert, bis
Scout bei uns auf der Matte stand, und sagte: "Kinder, es wird
Zeit, daß hier mal ein bißchen Techno gespielt wird.", damit
auch mal ein bißchen Kohle in die Bude kommt. Scout, Audio-Sex,
Kristalis und später noch Gamma-Ray haben uns dann quasi als Location
etabliert, weil sie schon ein festes Publikum hatten.
In diesem Winter
1994/95 lief bei uns hauptsächlich Acid und Hardtrance. Dann, im
Frühling schleppte ein guter Freund von uns einen jungen Mann an,
der grade aus Indien kam und nun in Berlin einen Ort suchte, wo
er auflegen kann. Wir haben gesagt: "Ja, klar, leg' mal Deine
Kassette ein, laß uns das mal anhören, was Du mitgebracht hast"
- und das war Goa-Trance. Wir hatten diesen Sound bis dato nie gehört,
es gab nur eine ganz ganz kleine Szene in Berlin, da kannte jeder
jeden. Er legt also die Kassette ein, und wir haben gesagt: "Das
isses, das wollen wir auch in Zukunft spielen."
Q: Wer war dieser
DJ?
Das war Dominique
Sangeet. So hat sich der Hirsch-Sound entwickelt, als Mischung aus
Trance, Hardtrance, Acid und Techno.
Q: Ab wann hieß
es eigentlich Hirschbar?
Von Anfang an. Ich
hatte mich für den Namen und das Logo entschieden, der ganze Style
in und um den Laden herum ist ursprünglich auf meinem Mist gewachsen.
Q: Es ist interessant,
daß es über die ganzen Jahre nie einen Club gab, der den Goa-Sound
so vertreten hat wie ihr. In Berlin gab es für Goa eigentlich
immer nur eine Adresse, die Hirschbar.
Wir hatten diese
Nische nicht aus marktstrategischen Gesichtspunkten ausgewählt,
wir hatten den Sound gehört und uns in den Sound verliebt. Daß wir
da eine neue Szene etabliert haben und quasi eine neue Technosparte
in der Stadt ins Leben gerufen haben, war uns damals überhaupt nicht
bewußt. Die Ausmaße, die es letztendlich angenommen hat, waren nicht
beabsichtigt, da haben wir staunend davor gestanden.
Q: Die Parties
damals fanden ziemlich unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt,
ihr hattet zwar keine Gesichtskontrollen, aber so ein "members
only"-Ding mit Clubkarten. Ihr hättet doch auch sagen können,
wir haben hier einen neuen Sound, den alle interessierten Leute
hören können.
Nee, wir wollten
einfach unseren "Family-Salon" behalten. Es war ja nicht
nur ein Club, wir haben da gewohnt und unsere Ateliers gehabt, es
war alles offen. Deshalb haben wir uns nur über Mundpropaganda verbreitet.
Es war gar nicht beabsichtigt, daß es richtig öffentlich wird.
Später konnten wir vor der Entwicklung nicht mehr die Augen zumachen.
Wenn plötzlich 500 Leute vor der Tür stehen und du weißt nicht,
woher die kommen, spielt natürlich auch das Ego eine Rolle. Einerseits
habe ich die Möglichkeit gesehen, meine Bilder zu verkaufen, andererseits
war es auch angenehm, endlich die Miete pünktlich zahlen zu können.
Das Auswahlverfahren lief einfach so, daß wir nette Leute haben
wollten. Wir hatten keinen Bock auf Prolls, wir hatten auch keinen
Bock auf Leute, die, wenn sie Eintrittsgeld zahlen, der Meinung
sind, sie können sich alles leisten und alles nehmen. Wir haben
damit viele Probleme gehabt. Es ist viel geklaut und kaputt gemacht
worden, weil die Leute nicht kapiert haben, daß sie sich in einem
privaten Raum befinden. Wenn viel geklaut und kaputtgemacht wurde,
hat sich parallel dazu auch die Türpolitik geändert. Das war nichts,
was wir wollten. Wir wollten nicht elitär sein. Wir haben damals
nur versucht, uns zu schützen. Dazu kam auch noch, daß die Parties
illegal waren und daß wir ein sehr hohes Risiko zu tragen hatten.
Ein Rausschmiß hätte für uns bedeutet, kein Atelier, kein Proberaum,
keine Werkstatt, kein Zuhause mehr.
Q: Aber irgendwann
musstet ihr von der Holzmarktstraße wegziehen.
Im Gebäude an der
Jannowitzbrücke war im Sommer 1996 der Punkt erreicht, an dem wir
soviel Ärger bekommen hatten, daß wir nicht mehr weitermachen konnten.
Wir hatten zum Beispiel permanenten Streß mit der Presse, weil wir
nicht in die Zeitung wollten, die aber über uns geschrieben haben,
was zur Folge hatte, daß das Gewerbeamt plötzlich in der Tür stand.
Dazu kam, daß sich das WTF nicht an die Spielregeln gehalten hat.
Ständig sind die Bullen eingerückt, wegen zu hoher Lautstärke zum
Beispiel. Das WTF hat oben die Fenster aufgehabt, die Bullen sind
bei uns rein und haben die Anlage konfisziert. Das ging ein halbes
Jahr so, und dann hatten wir so viel Scheiße am Hals, das wir einfach
mattgelegt waren. Wir waren gezwungen, uns Wohnungen zu suchen,
und haben auf dem Güterbahnhof Revaler Straße/Warschauer Straße
unser neues Atelier/Werkstatt/Proberaum eingerichtet.
Dort haben wir viel
Pech gehabt. Zuerst hatten wir alles anders aufgezogen. Wir hatten
einen Raum für die Parties, wo man nix kaputtmachen oder klauen
kann, und wo eine Stahltür vor der Werkstatt ist. Das war leider
so. Es mußte auch eine harte Türpolitik gemacht werden, weil es
immer öfter Idioten gab, die jemandem auf einmal ein Messer an den
Hals gehalten haben und solche bescheuerten Sachen. Dann ging der
große Dealerkrieg los, wo dann irgendwelche Mädels auf einmal bewußtlos
auf dem Klo lagen, weil sie irgendwelche Scheiße verkauft bekommen
haben. Da muß man drauf reagieren.
Wir haben einen großen Teil unseres Stammpublikums auf der Revaler
verloren, weil sie die Veränderung nicht verstehen konnten.
Tja, dann waren wir
da drei Monate drin, und dann haben sie uns den Laden angezündet.
Bevor sie ihn angezündet haben, haben sie noch alles rausgeholt.
Die Werkstatt leergeräumt, den Proberaum leergeräumt, die Lichttechnik
mitgenommen, sogar das Leergut geklaut. Dann haben sie den Rest
angezündet. Danach haben sie das Atelier aufgebrochen und alles
kaputtgemacht, Bilder, die ich im Laufe von 10 Jahren gemalt habe,
sind in einer Nacht zu Klump geschlagen worden.
Danach war alles
aus. Wir hatten keine Kohle, alle Geräte waren weg, wir waren psychisch
demoralisiert und innerhalb der Gruppe total zerstritten. Dann war
ein Jahr Pause.
Q: Wart Ihr
irgendwie versichert?
Nee.
Q: Das darf
man sich gar nicht vorstellen.
Es war Horror. Wir
sind nie dahintergekommen, wer es war, keine Ahnung. Diese Sache
war der Grund, warum wir nie wieder eine eigene Location hatten.
Q: Aber ihr
habt weitergemacht.
Ja. Ich habe bei
aller Kunst- und Kulturarbeit, die ich gemacht habe, immer darauf
geachtet, nicht nur selbst produzieren, sondern Formen zu schaffen,
mit denen das Geschaffene nach außen präsentiert werden kann, weil
ich das für sehr wichtig halte. Und im Laufe der Jahre hängt da
auch mein Herz dran. Es ist unglaublich einfach, sich hinzustellen,
und zu sagen, "früher war das in Berlin viel schöner, da war
es lustiger, es gab mehr zu gucken, und die Musik war besser"
- aber man muß ja auch was für tun. Genauso Scheiße finde ich die
Einstellung von Künstlern, die sich in ihren Elfenbeinturm zurückziehen
und nur für sich produzieren und sich ihren eigenen Arsch streicheln,
aber für die Grundsituation nichts tut. Deswegen habe ich weitergemacht.
Im Frühjahr 1998
haben wir die Hirschbar zurück ins Leben gerufen, im Pfefferberg
Subground, und ich habe mich dort sehr für ein Zusammenwirken von
DJs und Musikern eingesetzt. Seitdem gibt es die Live-Acts in der
Hirschbar.
Die Parties haben sich zu dieser Zeit verändert. Man kannte immer
weniger Leute, so hat sich auch die Grundatmosphäre verändert. Es
gab mehr Abchecken der Leute untereinander, und auch diese Anonymität,
die in der Clubszene häufig entsteht. Die Leute sind deutlich jünger
geworden, es gab mehr Leute aus dem Umland, die eine Fahrgemeinschaft
organisiert haben, um zu Parties zu fahren. Es gab mehr kommerziell
orientierte Leute.
Q: Hat sich
das auch auf euren Stil ausgewirkt?
Nein, da bin ich
stur, da sage ich, friß oder stirb. Nur die Ausstattung haben wir
verändert, es gab keine kleine Sachen mehr, die man leicht in die
Tasche stecken kann, der Rest wurde "abwaschbar" gestaltet.
Q: Die Ausstattung
spielt für Dich eine sehr wichtige Rolle. Im Artikel über
Electric Rodeo hatte ich die Party im Subground beschrieben, wo
über der Tanzfläche ein Tarnnetz mit unzähligen Margaritenblüten
gespannt war. Das ist doch unglaublich aufwendig, besonders, weil
ihr euch jedesmal eine andere Deko ausdenkt und gestaltet.
Ja, acht Stunden
auf der Leiter stehen. Ich habe von dieser Party auch nicht viel
gehabt. Nach zwei Stunden bin ich ins Bett gegangen, weil ich völlig
fertig war.
Für mich ist jede
Party etwas Eigenständiges, wir haben kein Baukastenprinzip, aus
dem wir uns bedienen. Wir arbeiten auch nur mit Leuten zusammen,
die wir persönlich gerne mögen, was uns intern angeht, ist es "unsere"
Party. Das ist vielleicht auch ein Unterschied zu anderen Parties,
wo der Türsteher schon muffig ist. Dieser erste Eindruck begleitet
Dich dann durch den ganzen Laden. Ich finde, man hat es verdient,
daß man mal angelächelt wird, und daß man sich nicht entschuldigen
muß, wenn man ein Bier trinken will. Ich glaube, daß viele Leute
das auch zu schätzen wissen, sonst hätten wir ja nicht unser Publikum.
Q: Rechnet sich
der Aufwand denn finanziell?
Ich sage mal so,
wenn wir die Parties minimalistisch gestalten würden, dann könnten
wir von den Parties gut leben. Dadurch, daß wir diesen hohen Aufwand
betreiben, haben wir immer wieder ein sehr hohes Risiko.
Q: Dein neues
Projekt heißt "Electric Rodeo". Entschuldige die Frage,
aber wie kommt man dazu, Electro und Breakbeat mit Country und
Western zu verbinden?
Das ist doch eigentlich
ganz klar, oder (lacht)? Ein guter Freund von mir, DJ Spit,
hat bei Evosonic Radio eine Sendung gemacht, und die hieß "Breakbeat
Rodeo". So gesehen geht diese Mischung auf sein Konto. Ich
habe dann nicht mehr oder weniger gemacht, als das zu einem Konzept
zu formen. Die Livemusiker, die dort auftreten, sind alles Leute,
die damals schon in unserer Fabriketage mit dabei waren. "Bruno
Adams and the lost Weekenders" zum Beispiel. Das sind alles
alte, liebe Freunde.
Die Barriere zwischen
Musiker und DJ ist immer noch unglaublich groß. Das liegt zum einen
daran, daß Anfang der 90iger, als hier alles anfing, eher die Bands
präsent waren. Dann kam Techno, und die Bands wurden durch DJs abgelöst,
es gab keine Auftrittsmöglichkeiten mehr für Bands, die DJs haben
horrende Honorare verdient, und die Bands haben Müll geschippt,
um zu überleben. Deshalb haben viele Musiker Vorbehalte gegenüber
DJs. Es ist nicht so einfach, das aus den Köpfen rauszubekommen.
Daher auch mein Anliegen bei der Rodeogeschichte, weil ich einfach
sehe, daß die Mischung aus beiden etwas ganz tolles ergeben kann.
Q: Ist Electric
Rodeo von Deinem Standpunkt aus erfolgreich?
Inhaltlich ja. Finanziell
ein totales Desaster. Leider sind wir gezwungen, uns eine andere
Location für die Parties zu suchen. Dazu kommt, daß die Jungs von
der Band den ganzen April in Amerika sind, für Plattenaufnahmen.
Und jetzt kommt der Sommer, da brauchen wir in Berlin keine Indoor-Veranstaltungen
aufzubauen. Das heißt, wir werden frühestens im September weitermachen
mit "Electric Rodeo". Im Winter ist dann eine Tour durch
Deutschland geplant. Weißt Du, so wie das früher bei den Rodeos
auch war. Das musikalische Konzept wird noch durch einen elektronischen
Live-Act erweitert.
Letztendlich steckt
das Projekt noch in den Kinderschuhen, wir sind dabei herauszufinden,
was man machen kann, was inhaltlich möglich ist und wie man es am
besten realisieren kann.
Natascha, vielen Dank für das
Gespräch.
www.hirschbar.de
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